Der ‚grüne‘ Friedrich Wilhelm Raiffeisen

In Österreich entstanden noch zu Lebzeiten Raiffeisens ab 1886 (Mühldorf bei Spitz an der Donau) die ersten Raiffeisenkassen. 1887 wurde vom Niederösterreichischen Landtag der Beschluss zur Gründungsförderung von Raiffeisenkassen gefasst. Im Jahr darauf, am 11. März 1888, verstarb Raiffeisen kurz vor seinem 70. Geburtstag in Heddesdorf, einem Teil des heutigen Neuwied (Deutschland).

Als Bürgermeister verantwortlich für Gemeinden im Westerwald, kannte er die Menschen und ihre Probleme aus nächster Nähe. Die natürlichen Voraussetzungen dieser Landschaft für einen ausgeprägten Ackerbau waren aufgrund kalkarmer Böden und der klimatischen Verhältnisse nicht optimal, gleichwohl günstiger als auf dem hohen Westerwald, über dessen „Höhen“ nach dem bekannten Lied „der Wind so kalt pfeift“. Dementsprechend fielen die Ernten nicht üppig aus. Angebaut wurden Kartoffeln, Roggen, Gerste, Hafer, Weizen, Buchweizen, Hanfkorn, Flachs und verschiedene andere Früchte, auch Obst. Mit Hilfe von Kalk und Knochenmehl als Dünger versuchte man, die Bodenverhältnisse nach damaligem Kenntnisstand zu verbessern.

Von Armut gekennzeichnet

Die kleinbäuerliche Struktur war von Armut gekennzeichnet. Es gab für die Menschen außer der Landwirtschaft kaum andere Verdienstmöglichkeiten. Handwerkliche Betriebe, Bergbau, Eisenhütten oder Ähnliches fehlten. Doch vor allem war die Armut auf die sozialen Strukturen zurückzuführen. Die Bauern waren aus der Lehnsherrschaft zum eigenen Herrn auf ihrem Hof geworden, darauf jedoch nicht ausreichend vorbereitet. Nach jahrhundertelanger Unterdrückung waren sie nicht geschult, mit dem Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft fertig zu werden. Raiffeisen war es ein Anliegen, die wirtschaftliche und soziale Lage zu heben. Sein Amt bot ihm dazu Gestaltungsmöglichkeiten. Zu seinen typischen Verwaltungsaufgaben zählten unter anderem die Armenverwaltung, die Regelung des Feuerlöschwesens sowie die Verwaltung des Waldes.

„Strauchmachen“ war nicht erlaubt

Der Wald spielte im Leben der ländlichen Bevölkerung auch im Westerwald eine große Rolle. Es gab zwar Privatwaldbesitzer, aber daneben auch den Gemeindewald. Als Bürgermeister kümmerte sich Raiffeisen von Amts wegen um die Gemeindewälder und unterstützte zum Beispiel seine Ortsvorsteher, die sich wiederholt an ihn wandten, um eine bessere Zuteilung an Brandholz zu erwirken. Das war oft mit einem langen Amtsweg verbunden, aber schließlich hatten die genehmigenden Behörden ein Einsehen und gestatteten weiteren Holzschlag. Denn die Verordnungen, die der Erhaltung des Waldbestandes dienten, waren streng. So konnte man nicht in den Wald gehen und nach freiem Ermessen „strauchmachen“. 

Auch dagegen musste ein Bürgermeister Vorkehrungen treffen und sich auf die dafür verantwortlichen Förster verlassen können. War dies nicht der Fall, so konnte Raiffeisen auch auf die Entlassung eines Försters hinwirken. Mit dem organisierten Holzschlag, auch das ist in den damaligen Protokollbüchern dokumentiert, konnten nicht nur innerhalb einer Gemeinde Verdienstmöglichkeiten geschaffen und aus dem Verkaufserlös bezahlt werden, sondern das Geld wurde auch für soziale Beiträge eingesetzt, um zum Beispiel billiges Brot für die ärmeren Einwohner zu beschaffen oder direkte Zuschüsse an die unbemittelten Einwohner zu zahlen. Ebenso wurden Investitionen in die Infrastruktur finanziert, wenn zum Beispiel Steine für die Befestigung von Wegen und Straßen beschafft wurden.

Der deutsche Raiffeisen-Forscher Walter Koch erläutert, dass Raiffeisen durch Aufforstung abgeholzter Wälder „später mit dem gewonnen Nutzholz (...) wieder Geld (…) verdienen“ und „durch die Pflege der Wiesen und Äcker“ den Ertrag steigern wollte. Er setzte Kunstdünger und Schädlingsbekämpfungsmittel ein und legte Moore trocken, was wir in der heutigen Zeit zu vermeiden suchen.

Bedeutende Schätze

Hinsichtlich der Bewirtschaftung der Ackerböden erklärt Raiffeisen in seinem Buch (Die Darlehenskasse-Vereine … als Mittel zur Abhülfe der Noth der ländlichen Bevölkerung, Neuwied 1866), dass man „den Grund und Boden, dadurch bedeutend verringert, daß derselbe immer mehr ausgezogen, daß von den ihm nöthigen Bestandteilen mehr herausgenommen, als hinein gethan wurden“. Er spricht sich für den Einsatz von Dünger aus, durchaus auch auf natürliche Weise gewonnenen Dünger: „Der beste Dünger ist erfahrungsmäßig der Stalldünger“. Das zugehörige Vieh, wenn es „richtig behandelt wird“, bietet auch Ertrag „für Milch, Butter, Jungvieh“.

Für ihn liegen „auf dem Lande (…) noch vielfach bedeutende Schätze verborgen. Durch besseren und tieferen Bau des Ackers, durch Drainage, zweckmäßige Anlegung von Wiesen und Wald, Anlegung und Verbesserung von Weinbergen, Hopfen-, Obst-, Weiden- etc. Pflanzungen u. s. w. kann durch Sparsamkeit, Fleiß und Geld dieser Reichthum dem Boden entzogen, und es kann bei nachhaltiger, guter Bewirthschaftung, unter Mithilfe eines solchen Vereins (einer Raiffeisenkasse), eine arme und zurückgekommene Gemeinde wohlhabend gemacht werden.“