Unesco erklärt Genossenschaftsidee zum Weltkulturerbe

Die Unesco, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, hat die Genossenschaftsidee mit Ende November in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Damit wird das Erbe von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schultze-Delitzsch weltweit gewürdigt.

„Eine Genossenschaft ist eine freiwillige Vereinigung von Menschen mit gleichen Interessen, die individuelles Engagement und Selbstbewusstsein fördert“, erklärte die Kulturorganisation der Vereinten Nationen (Unesco). Daher hat der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe bei seiner Sitzung in Addis Abeba am 30. November die Idee und Praxis der Genossenschaft den von Deutschland beantragten Beitrag in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Christoph Wulf, der Vizepräsident der Deutschen Unesco-Kommission, freut sich über die Aufnahme in die Liste: „Die Genossenschaftsidee und -praxis ist in Deutschland eine lebendige Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Genossenschaften bringen Menschen mit gemeinsamen Interessen ohne Gewinnerzielungsabsicht zur Erreichung gemeinsamer Ziele zusammen. Das hat eine enorme kulturelle Bedeutung, die nun auch auf internationaler Ebene anerkannt wurde. Ich freue mich, dass diese Auszeichnung des Immateriellen Kulturerbes das Verständnis des gelebten kulturellen Erbes erweitern wird.“

Bestätigung und Auftrag zugleich

Für den Österreichischen Raiffeisenverband ist diese Anerkennung Bestätigung und Auftrag zugleich. „Genossenschaft hat nicht nur eine große Vergangenheit, vielmehr ist sie ein starkes Modell für die Zukunft. ‚Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele’ – so hat es Friedrich Wilhelm Raiffeisen vor 150 Jahren formuliert. Übersetzt ins Heute bedeutet das: Verantwortung übernehmen – miteinander und füreinander“, zeigte sich ÖRV-Generalanwalt Walter Rothensteiner stolz auf diese Würdigung der Genossenschaftsidee.

Die Genossenschaft ist eine allen offen stehende Form der gesellschaftlichen Selbstorganisation, ein Modell der kooperativen Selbsthilfe und Selbstverantwortung. Mitte des 19. Jahrhunderts legten Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch in Deutschland wichtige Grundlagen für die heutige Genossenschaftspraxis, die seither weltweit erfolgreich gelebt wird und immer mehr Anhänger findet.

Auf dieser Basis wirtschaften heute weltweit rund 800 Millionen Menschen in 900.000 Genossenschaften. Allein unter dem Dach von Raiffeisen Österreich sind es 1.500 Genossenschaften mit zwei Millionen Mitgliedern. Jeder vierte Österreicher ist Mitglied bei Raiffeisen. Die in Österreich und Deutschland hohe Anzahl von Genossenschaftsmitgliedern und die rechtliche Absicherung durch ein eigenes Genossenschaftsgesetz sind im internationalen Vergleich Besonderheiten.

Genossenschaften sind "Modell für die Zukunft"

„Genossenschaft bietet eben nicht nur Lösungsansätze für die Probleme von gestern – sondern auch für die von heute und morgen“, ist Rothensteiner überzeugt. Moderne Genossenschaften, etwa für erneuerbare Energieversorgung, regionale Infrastruktur, Wohnen und Pflege im Alter, Stärkung dörflicher Strukturen, Car-Sharing oder Crowdfunding seien Beweis dafür. „Das Modell Genossenschaft und die Werte von Raiffeisen sind heute so aktuell wie selten zuvor“, betonte der Generalanwalt. Um diese auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, habe der Österreichische Raiffeisenverband bereits vor zwei Jahren die Initiative „Bewusst: Raiffeisen.“ gestartet.

Zum Immateriellen Kulturerbe zählen lebendige Traditionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturwissen und Handwerkstechniken. Seit 2003 unterstützt die Unesco den Schutz, die Dokumentation und den Erhalt dieser Kulturformen. Bis heute sind 171 Staaten dem Unesco-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes beigetreten. Mit der Einschreibung verpflichten sich die Vertragsstaaten, das Immaterielle Kulturerbe auf ihrem jeweiligen Staatsgebiet zu fördern.